ZEIT ONLINE 17/2005 S. 71 [http://www.zeit.de/2005/17/Heimat_2fBochum_17]
Albert-Schweitzer-Strasse 16
In Utopia
Vor 30 Jahren entstand in Bochum eine Trabantensiedlung für alle Schichten. Überall zogen junge Familien ein. Deren Kinder sind inzwischen fort, der einst moderne Stadtteil wird in aller Stille älter Zweite Folge einer Serie, in der ZEIT-Redakteure die Straße ihrer Kindheit besuchen
Von Henning Sußebach
War unser Garten damals größer? Fünfzehn Schritte brauche ich heute von der Terrassentür bis hinüber zur Blutpflaume, dann habe ich das Grundstück meiner Eltern durchquert. Eins, zwei, drei, vier, fünf … dreizehn, vierzehn, fünfzehn. Ich drehe mich um und sehe meine Eltern hinterm Fenster beim Kaffee sitzen. Wie nah sie sind.
Früher lag zwischen diesen fünfzehn Schritten eine ganze Welt. Tief im Garten wir Kinder, barfuß, in Badehose, versunken in Winnetou-Fantasien, auf der Wiese das Lichtspiel der Blätter und erst weit in der Ferne, fast außer Rufweite, die Eltern auf der Terrasse, die für uns wie eine entlegene Insel war, überspannt von einer orange-braunen Markise. Manchmal liefen wir hin, um einen Schluck Wasser zu trinken, das wir damals »Sprudel« nannten. Oder es gab Tupper-Eis, eingefrorenen Apfelsaft.
30 Jahre ist das her. Jetzt stehe ich wieder im Garten. Es ist kalt, es riecht nach Moos, der Wind greift in die Bäume, gleich wird es regnen. Doch immer, wenn ich an früher denke, an zu Hause, ist dort Sommer. Ein größeres Kompliment kann die Erinnerung der Heimat nicht machen.
Wobei »Heimat« ein komisches Wort ist. »Heimat« klingt nach knorrigen Obstbäumen. Nach weißen Wolken über weiter, grüner Landschaft. Mein Zuhause war das Gegenteil davon. In den sechziger Jahren waren Bagger gekommen, hatten knorrige Obstbäume entwurzelt und eine Menge weiter, grüner Landschaft beiseite geschoben. Am Südrand des Ruhrgebietes sollte eine »Universitätsrahmenstadt« für 5000 Menschen entstehen.
Es war eine Zeit voller Zuversicht, da wurden schon mal Berge versetzt. Bochum, die Stadt der Zechen und des Opel Kadett, sollte eine Hochschule bekommen! Da mussten moderne Häuser für moderne Menschen her! Akademiker hatte es bis dahin in Bochum kaum gegeben, doch jetzt zeichneten die Stadtplaner ihnen eine Trabantenstadt mit Tiefgaragen, drei Kindergärten, einer Grundschule, zwei Kirchen und zwei Supermärkten, alle Häuser streng geometrisch im Bauhaus-Stil, mit großen, quadratischen Fenstern nach Südosten. Innerhalb weniger Jahre wuchs die nach einer weggerissenen Straße benannte »Hustadt« heran, ein riesiges Beton-Ensemble, in Terrassen gestaffelt. Im Tal fast 50 Bungalows für Professoren, dahinter Reihenhäuser für Doktoren, Beamte, Angestellte nicht nur der Universität, und dann, als Abschluss, ein Hochhausriegel, bis zu 14 Stockwerke hoch. Dort sollte sich der moderne Mensch über Jahre (mit gutem Willen und dem sanften Druck einer »Fehlbelegeabgabe«) mit sozial Schwachen verbrüdern.
Was war die Hustadt? Eine linke Utopie in rechten Winkeln? Sie war nicht bürgerlich-bewahrend, aber auch nicht sozialistisch-gleichmachend wie die Plattenbauviertel in der DDR. Sie war sozialdemokratisch. Die Planer behielten ja die Drei-Klassen-Gesellschaft bei, aber bitte ohne Berührungsängste bei gemeinsamer Nutzung »öffentlicher und privater Versorgungseinrichtungen (Kaufhaus, Kirchen, Bürgerhaus u.a.)«, wie das damals hieß. Die Hustadt war gewissermaßen ein Erziehungsprojekt, eine Gesamtschule für Erwachsene.
Meine Eltern, Lehrer an Haupt- und Realschule, kauften damals sozialdemokratisch korrekt ein Reihenhaus der Gemeinnützigen Aktien-Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten in der Albert-Schweitzer-Straße, die zum Mittelschichtsgürtel des neuen Stadtteils gehörte, in dem die Straßen nach Ärzten benannt waren. Virchow, Sauerbruch, Pettenkofer. Am Tag der Schlüsselübergabe, dem 17.Mai 1972, billigte der Bundestag in Bonn die Ostverträge, in derselben Woche explodierte im Hamburger Springer-Haus eine Bombe, der amerikanische Präsident Nixon reiste nach Moskau, um mit Breschnew über Vietnam zu sprechen, und die Westdeutsche Allgemeine Zeitung druckte Fotos von Raketenparaden auf dem Roten Platz. Meine Mutter trug Schlaghosen mit breiten Ledergürteln, mein Vater enge Hemden. Meine große Schwester Katja war drei Jahre alt, ich vier Monate. Einen ausgeprägten Sinn für Utopien hatte ich noch nicht.
Dafür entwickelte sich schnell ein ausgeprägter Sinn fürs Spielen. In die zwölf Reihenhäuser, die wie ein Hufeisen angelegt waren, zogen wie bestellt junge Zwei-Kinder-Familien ein, die, ganz im Sinne des Miteinanders, auf Zäune verzichteten. Das ergab einen riesigen Spielplatz für uns Kinder, für Simone und Bert, Markus und Thomas, Birgit und Jörn, Jürgen und Karsten, Christian und Bettina, Katja und mich. »Eckstein, Dreckstein, alles muss versteckt sein … eins, zwei, drei, ich komme!«
Die Erinnerung an meine Straße ist voller Geräusche. Das helle Geklingel unserer Fahrräder. Der Donner, wenn wir den Lederball gegen die Garagen schossen. Unser Kreischen unterm Rasensprenger. Das Gemurmel der Eltern auf der Terrasse, wenn wir schon im Bett lagen. Das Rattern der Rollläden, das mich noch mal aus dem Schlaf riss.
Wir Reihenhaus-Kinder bekamen Kloppe von den Hochhaus-Jungs
Wir Kinder haben die Albert-Schweitzer-Straße nur selten verlassen, von Urlauben mal abgesehen. Sie war uns Welt genug, bis wir in die Schule kamen. Unser Weg dorthin führte zu den Hochhäusern – so hieß das erste Fach, in dem wir unterrichtet wurden, »Realität«. Wir lernten jetzt Kinder kennen, die ohne Pausenbrote in die Schule kamen. Kinder, die immer den gleichen Pullover trugen. Ein Mädchen in meiner Klasse roch häufig nach Urin, das weiß ich noch. Mich hat das verunsichert, schon der Fußweg durch die Hochhäuser.
In den Straßen, die wie Betontäler waren, staute sich im Sommer eine Hitze, wie ich sie aus spanischen Hotelanlagen kannte. Ich ging nicht gern hinauf zu den Hochhäusern, nicht einmal zum Fußballspielen. Die Jungs »von oben« spielten rauer, vor allem, wenn sie spitzbekamen, dass wir »von unten« kamen. Wir waren die Brillenschlangen. Wir verloren immer. Manchmal gab es Kloppe. So ging das von montags bis samstags. Sonntags aber zog dann eine Brillenschlangenprozession an den Hochhauskindern vorbei zur katholischen Kirche, einem Backsteinwürfel am Fuße der Hochhäuser. Viele Brillenschlangeneltern und Brillenschlangenkinder trugen ihre Nasen sehr hoch im nicht ganz so christlichen Bewusstsein, die intellektuelle Creme der Hustadt zu bilden. Aus dem großen Miteinander war ein Nebeneinander geworden. Es wurden sogar Studien über die Hustadt verfasst, Gruppenspezifisches Wohnverhalten – Ergebnisse einer architektursoziologischen Untersuchung hieß eine, in der von »territorialem Verhalten« der Bewohner die Rede war. In dem Buch Umbau der Stadt: Beispiel Bochum hieß es lapidar: »Je höher das Haus, desto niedriger das Einkommen.«
Mir war damals nicht bewusst, Teil eines sozialen Experiments zu sein. Das dämmert mir erst heute. Grundschule, Gymnasium, Zivildienst, Studium, erster Job, erstes Kind, eine eigene Existenz in Berlin – immer weiter hatte sich mein Leben von der Hustadt entfernt. Es ist wohl vor allem die Zeit zwischen 20 und 30, in der man derart abgelenkt ist durch die vielen Veränderungen im eigenen Leben, dass sogar die wenigen Besuche bei den Eltern wie in Trance verlaufen. Erst wenn sich das eigene Dasein wieder beruhigt, denkt und fühlt man sich zurück in ihre Welt, die einmal die eigene war. Mir kommt es vor, als sei ich zehn Jahre fort gewesen, wie nach einem Filmriss. Doch jetzt stehe ich – bei vollem Bewusstsein – in der Albert-Schweitzer-Straße und erschrecke. Wie lang die eigene Kindheit zurückliegt! Nirgendwo sonst wird einem das Alter bewusster als an dem Ort, an dem man jung war. Ich sehe grauhaarige Nachbarn zu Mülltonnen gehen, die wir Kinder vor 20 Jahren bemalt haben, mit Sonnen, Palmen, Regenbögen. Verblasst inzwischen. Alles hier ist so alt wie ich. Die Bäume, die Straße, die Häuser. 1972 gebaut, mein Geburtsjahr. Der graue Putz, die riesige Atlas-Zeder in unserem Vorgarten, die rissigen Lichtschalter im Haus, das vernarbte Parkett im Wohnzimmer – so alt bin ich schon? »Tja«, sagt mein Vater auf der Terrasse, »der Lack ist ab.«
Wie still es ist. Kein Kreischen mehr, kein Fußballdonner. Es ist, als habe jemand den Ton abgedreht. Manchmal stelle ich mir vor, dass ein Telefonschellen das einzige Geräusch ist, das die Ruhe unterbricht – dann, wenn eines der Kinder aus Kiel, Berlin, Frankfurt oder Flensburg anruft. Wir alle sind ausgezogen. Wenn einer von uns wiederkommt, jetzt mit dem eigenen Kind auf dem Rücksitz, laufen oft mehrere Nachbarn auf die Straße, als hätten sie seit dem letzten Besuch hinter den Küchenfenstern gewartet. Alle sind über 60, viele über 70. An jedem 17. Mai gibt es bei Familie Köppen Erdbeerkuchen, wie damals zum Einzug. Weil niemand mehr arbeiten muss, sind die Geburtstagsfeiern von den Abenden auf die Vormittage verlegt, dann singen alle »Hoch soll sie leben!«, meine Mutter sagt manchmal: »Lasst uns heute mal nicht über Krankheiten sprechen«, doch dann fragt Herr Köppen: »Worüber denn sonst?«
Vielleicht wäre es wieder Zeit für eine Studie über »gruppenspezifisches Wohnverhalten«. Unsere Eltern waren gemeinsam jung, nun werden sie gemeinsam alt. Die Skepsis der späten Jahre hat Bewegungsmelder an den Häusern befestigt und gusseiserne Gitter vor manches Fenster geschraubt. Viele Rollläden schließen mittlerweile elektrisch, meist schon um zehn Uhr. Es gibt jetzt auch Zäune.
Die Utopie von damals, all die Bauhaus-Geometrie, ist längst überwuchert. Meine Straße hat nichts Transparentes und Visionäres mehr, es könnte sie genau so auch in Bielefeld geben oder in Pirmasens. Sie ist eine ganz normale, deutsche Eigenheimsiedlung geworden; eigentlich war sie es schon immer. An die Kirche in der Hochhaus-Hustadt hat jemand »fuck you« gesprüht, in der Reihenhaus-Hustadt waschen Rentner ihre Audis.
Anders als im Hochhausriegel hat es in der Albert-Schweitzer-Straße keine Arbeitslosigkeit gegeben, keine »sozialen Härten«, hier konnten alle ihre Häuser abbezahlen. Meine Straße wurde vor 33 Jahren mitten in den Zeitgeist hineingebaut, und doch blieb sie immer eine entlegene Straße, eine Straße abseits des Zeitgeschehens. Hier fanden keine Demonstrationen statt, keine Revolutionen, nur Straßenfeste. Im Sommer roch es nach gemähtem Rasen und im Winter, wenn mein Vater im Keller verschwand, nach Skiwachs. Mit den Fotos aus den Alben meiner Eltern ließe sich ein Lehrbuch über die alte Bundesrepublik bebildern, das Kapitel über das eingelöste Wohlstandsversprechen Westdeutschlands. Und diese ungeheure Kontinuität! Ein ganzes Erwachsenenleben im gleichen Haus. Bäume pflanzen und sie dann wachsen sehen – ein Luxus, der heute fast schon wieder wie eine Utopie erscheint. Die zweite Utopie, für die unsere Straße steht, dieses Mal verwirklicht. Bis heute ist bei mir eine große Sesshaftigkeits-Sehnsucht geblieben.
Wir lebten ein Leben in der Zuschauerperspektive. Krisen und Katastrophen kamen nur per Tagesschau in die Albert-Schweitzer-Straße. RAF, Nachrüstung, Seveso, Bhopal. Und dann Tschernobyl. Da erreichte uns die Realität. Ich spielte draußen Fußball, als der Regen kam. Allerdings war die Aufregung ähnlich groß, als irgendwann in den Achtzigern ein Hund in unseren Vorgarten schiss. Es war die Zeit, in der ich sehr gerne Atompilze malte, in Schulhefte und auf Schreibunterlagen. Im Atompilzmalen brachte ich es zur Perfektion, oben in meinem Zimmer, während es aus dem Keller wieder nach Skiwachs roch. Von heute aus betrachtet, herrschte damals eine von vielen Ängsten überlagerte Ereignislosigkeit.
Der letzte wirklich tiefe Einschnitt war die Änderung der Postleitzahl.
Sie bauten das Haus für uns Kinder, doch jetzt sind wir weg
Und doch ist etwas passiert: Es ist Zeit vergangen. Die Natur holt sich langsam zurück, was ihr vor 33 Jahren abgerungen wurde. Zwischen den Pflastersteinen wächst Moos, die Wurzeln heben die Gehwege an, und durch die Gärten huschen Eichhörnchen. Die Vögel haben sogar Namen. Neulich starb Domestos, der zutrauliche Amselvater.
Der Tod ist jetzt da. In unserer Reihe nur als Ankündigung, und meine Eltern werden sich vielleicht erschrecken, dass ich das so schreibe. Aber sie reden ja selbst von der »Witwenreihe« ganz in der Nähe, wo schon fünf Männer gestorben sind, und inzwischen betrachten sie die autogerechte Hustadt mit den Augen des Alters: Der nächste Briefkasten ist einen Kilometer entfernt, der nächste Supermarkt zwei. Wenn das erste Haus in der Straße »leer gestorben« sei, sagen sie mit einem unterdrückten Lachen, könnten es die Nachbarn doch gemeinsam kaufen und an ein junges Ehepaar vermieten – er könnte dann die Gärten machen, sie die Pflege.
Es tut weh, sie so reden zu hören. Meine Eltern sind gerade Anfang 60. Sie gehören zu den Jüngsten in der Straße, sie müssten noch nicht auf das Alter warten. Doch sie haben das Problem vor Augen. Bestimmt würden sie sich in einem gemischten Viertel, wo sie zu den Älteren zählten, jünger fühlen. Aber umziehen, nach all den Jahren?
Der Gedanke lohnt nicht. Meine Eltern sind in einem Neubauviertel verwurzelt. Sie sind heimisch geworden in einem Haus, das ursprünglich eine Investition in uns Kinder war. Der Garten, der Hobbyraum, das eigene Zimmer – alles für uns. Als Kind war einem auch das nicht so bewusst, aber jetzt, da ich meine Eltern auf der Terrasse sehe, wird mir klar: Sie leben meinetwegen hier. Mein Vater, als Kriegskind zigmal umgezogen, wollte eigentlich kein Eigenheim. Meine Mutter schon eher, sie kannte es von ihren Eltern so. Nun stehen sie vor dem Haus, das sie für uns bauten. Und wir sind weg.
Drei-, viermal im Jahr fahren wir hin. Im Sommer spielen die Enkel im Garten. Mein Vater holt dann den Rasensprenger raus, meine Mutter macht Tupper-Eis. Wenn wir nach ein paar Tagen wieder fahren und ich in den Rückspiegel schaue, sehe ich meine Eltern im Vorgarten stehen. Sie winken wie früher meine Großeltern.
(c) DIE ZEIT 21.04.2005 Nr.17